Mythen

Sagen und Gerüchte

 

Um Orte, die Zeugnisse der Vergangenheit sind und deren Geschichte man nicht oder nur noch teilweise nachverfolgen kann, ranken sich oft Mythen. Davon ist auch der ehemalige Einsatzhafen Eschborn nicht verschont geblieben. Seinen Höhepunkt erreichten diese in den 80er Jahren, als sich die "Information" verbreitete, in Eschborn auf dem ehemaligen Flugplatz sind kurz vor der Besetzung von den Alliierten noch schnell deutsche Kampfflugzeuge versteckt worden. Die Geschichten werden bis heute noch weitererzählt und lassen den Platz noch mystischer erscheinen als er war und ist.

 

Wir sind jetzt in den 70er Jahren angekommen und der ehemalige Flugplatz sah damals so aus wie in Abbildung 1 und 2.

 

Die Funkstelle hatte ihren Empfang eingestellt und die Antennen auf dem weitläufigen Gelände abgebaut. Die Deutsche Post nutzte mittlerweile den ehemaligen Hangar #4 und einen kleinen Teil des Geländes als Lager für Kabel, Telefonzellen und Sonstiges und als Basis für den Technik- und Installationsservice. 

Außerhalb von dem Postgelände, rund um Hangar #5, waren einige Fahrzeuge abgestellt oder befanden sich dort zur Reparatur.

Hangar #3 wurde dem Verfall überlassen.

 

Abb.1: Hangar #4 mit Servicefahrzeugen der Deutschen Post. Die Zeit der Funkstelle ist zu Ende.

 

 

Bildquelle: © W. Scheinert

Das Bild wurde freundlicherweise von W. Scheinert zur Verfügung gestellt.

 

 

Abb.2: Hangar #3 in den 70er Jahren. Hier ist der Rundbau auf der linken Seite, sowie der hintere Verbindungstrakt noch erhalten. (siehe Hangar #3). 

 

Bildquelle: © W. Scheinert

Das Bild wurde freundlicherweise von W. Scheinert zur Verfügung gestellt.

 

Dann, 1976 wurde im Höchster Kreisblatt in einem Artikel mit dem Titel; "30 Jahre danach wimmelt es noch von Munition auf dem alten Flugplatz" (1) von gefährlichen Munitionsfunden und deren Gefahren berichtet. Lapidar wird in einem Nebensatz erwähnt; "Übrigens: tief im Erdreich stehen noch mindestens drei abgeschossene deutsche Militärmaschinen" (1)

 

Diese Aussage wurde weder durch weitere Angaben, noch durch Quellen belegt. Damit war aber scheinbar genug Raum geschaffen worden, die Fanatsien auf Jahre anzuregen und so konnte sich die "Geschichte" ungehindert verbreiten.

 

Nachfolgend der gesamte Artikel (Abb.3)

 

Abb.3: Höchster Kreisblatt vom 19.03.1976

 

Quelle: © Frankfurter Societäts-Medien GmbH

Die Abbildung des Artikels auf dieser Webseite erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Frankfurter Societäts-Medien GmbH.

 

 

 

Anmerkung: Die in dem Artikel genannte Bergung von einem Flugzeug aus 28m Tiefe fand tatsächlich statt, allerdings nur aus 8 Meter Tiefe. (siehe Luftkampf)

 

 

Noch einmal mehr als 6 Jahre später dann, einem Bericht der Abendpost Nachtausgabe zufolge, hatte sich ein Hagener Sammler mit einem Brief an die Stadt Schwalbach gewandt und darin erklärt, dass am Ende des Krieges zwei Messerschmitt- Jäger sowie eine Fw 190A auf dem Flughafen stationiert gewesen seien, die seitdem verschwunden sind. 

Zitat: "Seine Folgerung: Die vermißten Flugzeuge müßten noch in den 1945 gesprengten Bunkern zu finden sein." (2)

Der damalige Bürgermeister von Schwalbach hielt die Existenz zumindest für möglich und wird in dem Artikel folgendermaßen zitiert; "Er bemerkte nur vielsagend: „Schon öfter  haben sich derartige Gerüchte später als wahr erwiesen.“" (2)

Er hatte das Thema Flugplatzgelände mit der Forderung zur Munitionssuche für mehr Sicherheit von Spaziergängern ohnehin gerade auf dem Tisch.

 

Das war nun der neuerliche Auslöser mit dem viele "Experten" auf den Plan gerufen wurden, die sich fortan mit dem Thema befassten und verschiedenste Hinweise zur Verfügung stellten.

 

Das Wohl der Bevölkerung lag dabei zum Beispiel dem folgenden Verfasser am Herzen. Er konnte außerdem vom Hörensagen "bestätigen" das dort Flugzeuge versteckt wurden. (Abb.4)

Er war als deutscher mit Kriegsschrott handelnd, häufig in den US Lagern unterwegs und sammelte damals Schrott ein, unter anderem auch vom Flugplatz Eschborn. Dabei wurde er von Schwalbacher Bürgern darauf hingewiesen das in den Bunkern noch Munition und Flugzeuge versteckt seien. Von Me 109 und Fw 190 ist die Rede.

Die Erlaubnis diese zu bergen wurde von der zuständigen US Behörde aus Sicherheitsgründen damals abgelehnt, wie der Verfasser schreibt. Weiterhin wird auf existierende Akten des Luftgau Wiesbaden verwiesen die das bestätigen würden. Demnach wurden Kampfstoffbomben vom LZA (Luftzeugamt) Kölleda nach Eschborn geliefert die dort auch noch lagern müssten und eine Gefahr für die Bevölkerung darstellen und aus den Bunkern entfernt werden sollten.

 

 

Abb.4: 

Auszug eines Schreibens von einem besorgten Hinweisgeber zu den vermeintlich versteckten Flugzeugen auf dem Eschborner Flugplatz.

 

Bildquelle: © Archiv, fliegerhorst-eschborn.de

 

Aufmerksam geworden durch die Berichte in der Presse, machte sich nun am  10. und 11. August 1982 auch der Hessische Rundfunk mit einem Fernsehteam auf den Weg nach Eschborn, um auf dem ehemaligen Flugplatz den Geheimnissen der Jagdflugzeuge in Erdbunkern nachzugehen. Begleitet wurde der Besuch seinerzeit vom ehemaligen Bürgermeister von Schwalbach.

 

Ein weiterer Zeitzeuge beschreibt zwischnzeitlich eine Unterkellerung von Hangar #4, mit unterirdischem Zugang zu einem zugeschütteten Splitterschutz und das dort 1946 aus einer Fw 190 ein Motor ausgebaut wurde. Mit dem Hinweis das dort weitere Motoren seien, verweist er auf Unterlagen in einem Archiv die das belegen sollen.

 

Auch ein adeliger Geldgeber meldete sich zu Wort und bot an die Kosten für die Bergung der zwei Me 109 zu stellen. Er habe sich bereits über die Topographie des Platzes informiert und bat um ein Gespräch mit den Verantwortlichen.

 

14.09.1982 Jetzt war es soweit, der Film vom Hessischen Rundfunk war fertig geschnitten und die Ausstrahlung des Beitrags über den Flugplatz Eschborn erfolgte am gleichen Abend in der Hessenschau (siehe Vid.1).

 

Vid.1: Hessenschau vom 14.09.1982

 

Videoquelle: © Hessischer Rundfunk – www.hr.de

Hessischer Rundfunk Archivservice

Das Einbinden des Videos erfolgt mit lizenzierter Genehmigung. Vielen Dank an den Archivservice des Hessischen Rundfunks für die Zulassung.

 

Auch der Bericht in der Hessenschau und die Recherche dazu förderten keine neuen Erkenntnisse zu Tage, die zur Aufklärung oder zum Verbleib der Flugzeuge hätten etwas beitragen können.

 

Anmerkung: Nicht alle Beschreibungen und Informationen in dem Beitrag entsprechen den Tatsachen. So wurden beispielsweise die Hangars von den Deutschen 1945 nicht selbst gesprengt und die beschriebenen Stellplätze auf der Luftaufnahme waren keine Splitterschutzzellen für Lastenseglern, sondern wurden an dieser Stelle erst später von den Amerikanern als Dispersal Areas angelegt. (siehe "Flugfeld" in Heute)

 

Animiert durch den Beitrag mit seiner noch größeren Reichweite, meldeten sich nun weitere Interessierte, Sammler, und Zeitzeugen aus dem ganzen Bundesgebiet, die vermeintliche Aussagen zu den verschwundenen Flugzeugen im Schwalbacher Untergrund machen konnten. 

 

Anmerkung: Ein Großteil des "Eschborner" Flugplatzes befindet sich auf Schwalbacher Gemarkung. (siehe auch Planung und Ausbau Abb.2)

 

Auch das Deutsche Museum aus München war dabei und wollte entsprechenden Einfluss geltend machen, dass solche historische Maschinen am Besten dort in die Sammlung passen würden und boten entsprechenden support an.

 

Eine weiterer Zeitzeugen der Kriegstage, beschrieb in "sagenhaften" acht Seiten und zusätzlichen Anlagen mit Erklärungen und Lageplänen sehr genau wie es damals auf und unter dem Eschborner Flugplatz ausgesehen hat. 

Er beschreibt, dass die unterirdischen Bunkeranlagen bereits 1937 errichtet wurden. Die Flugschule für Lastensegler eine reine Tarnung war und der Platz eigentlich nur für Kampfflugzeuge, genauer Jagdflugzeuge unterschiedlichen Typs eingerichtet wurde.

Am 3. März 1945 sollen sich so noch insgesamt mindesten 18 Maschinen vom Typ Messerschmitt Bf 109 F und Bf 109 E dort befunden haben. Die weiteren Ausführung sind sehr detailliert, so dass man zuerst an eine Sensation glauben mag.

 

 

Abb.5: 

Auszug einer detaillierten Beschreibung der letzten Kriegstage, zur Situation und Verbleib von Flugzeugen auf dem Eschborner Flugplatzgelände.

 

Bildquelle: © Archiv, fliegerhorst-eschborn.de

 

Aber leider geht die deutsche Geschichte für den Flugplatz Eschborn in der Beschreibung deutlich länger als sie in Wirklichkeit war. Ende März 1945 wurde der Platz nachweislich bereits von den Amerikanern komplett eingenommen und damit passen die weiteren Ausführungen zumindest aus zeitlicher Sicht nicht mehr zu Eschborn.

 

Aber was ist mit den Plänen? 

 

Die Lagepläne lassen sich auch mit viel Fantasie, den vorliegenden Gegebenheiten zu allen Zeiten des Eschborner Einsatzhafen nicht richtig zuordnen. Dei Anzahl der überirdischen Hangars und deren Anordnung übersteigt in der Skizze deutlich die wirkliche Anzahl derer, die in Eschborn je existiert haben. Auch ein Vergleich mit den Original Lageplänen von 1939 und 1940 (siehe Planung und Ausbau) konnte keine Übereinstimmung herstellen.

 

 

Abb.6:

Handskizze mit Lage der Hangars und Bunker auf dem Eschborner Flugplatz so wie sie ein Zeitzeuge in Erinnerung hatte.

 

Bildquelle: © Archiv, fliegerhorst-eschborn.de

 

Nachfolgende Information aus einem Zeitungsbericht der FAZ vom 1.10.1982(3)"Der Räumdienst des Landes Hessen hat seit Kriegsende mehrmals den Flugplatz systematisch abgesucht. Bis zur Tiefe von acht Metern haben Suchgeräte nichts geortet [...]... zum letzten Mal kurz vor dem Bau des Asylantenlagers in einer größeren Aktion...[...] Die Suche deckte 90 Prozent des Platzes außerhalb des amerikanischen Lagers ab. [...] Der Leiter des Kampfmittelräumdienstes hält nach dem negativen Ergebnis dieser jüngsten Aktion keine weitere Entmunitionierung mehr für erforderlich."(3)

 

Anmerkung: 1981 wurde im Bereich der heutigen Obermayr Schule ein Asylantenlager eingerichtet.

 

 
Abb.7:
Die Abbildung zeigt die Karte nach der die Sondengänge durchgeführt wurden. Das in Bildmitte schwarz eingezeichnete Gebäude ist Hangar #4 mit Nebengebäude.
 
Bildquelle: © Archiv, fliegerhorst-eschborn.de
 
Die unterirdischen Hangars und Bunkeranlagen so wie zuvor beschrieben und in Abb.6 eingezeichnet, konnten trotz streifenförmiger Sondengänge südlich der Hangars #1,#3-#5 und vor dem Vorfeld der geplanten Werft nicht nachgewiesen werden.

 

Auch auf vielen aus dieser Zeit noch existierenden Luftbildern ist ein Zugang oder eine Einfahrt in den Untergrund, den Flugzeuge hätten nutzen müssen, nicht zu erkennen. Die Qualität der Luftaufnahmen aus dieser Zeit kann kann man z.B. im Abschnitt Luftwaffe Abb.1 sehen.

 

 

Fazit:

Interessante, spannende, teilweise sehr detaillierten Schilderungen, mit Skizzen und gutem Fachwissen. Allerdings passen die Darstellungen nicht zu den Gegebenheiten in Eschborn oder zur tatsächlich nachgewiesenen Geschichte des Platzes und damit zum zeitlichem Ablauf.

 

Es bleiben somit Erzählungen, die wohl im Laufe der Jahre mit anderen Standorten oder Informationen vermischt wurden.

 

Experten und Zeitzeugen die noch zur Verfügung standen und aktiv befragt wurden, konnte allesamt nicht bestätigen das auf dem Eschborner Flugplatzgelände Anlagen zur Verfügung standen, um Flugzeuge unterirdisch abzustellen.

 

Der bekannteste Experte für den Eschborner Flugplatz, Gerhard Raiss (Stadtarchivar Eschborn) der teilweise zurate gezogen wurde, konnte schnell widerlegen warum all diese Schilderungen nicht zu Eschborn passen können. Außerdem hatte Herr Raiss nach Kriegsende Kontakt zu amerikanischen Soldaten, die kurz nach der Besetzung in Eschborn stationiert waren. In persönlichen Gesprächen bestätigten sie ihm, dass die Amerikaner, nachdem sie den Platz besetzt hatten, alle Winkel und Ecken, jedes Erdloch, Schacht und jeden Bunker untersucht haben und dort keine versteckten Flugzeuge oder Ähnliches gefunden haben.

 

Der ebenfalls bekannte Autor Werner Girbig, der sich schon lange mit der Luftfahrt und dem Verbleib von verschollenen Flugzeugen nach dem Krieg befasst hat, wandte sich seinen Ruf fürchtend an die Presse und hatte große Mühe damit, seinen Namen aus den Geschichten herauszuhalten. Er distanzierten sich von dem "Unsinn" wie er es beschrieb.

Werner Girbig hatte u.a. 1967 die Suche und Ausgrabung einer Me 109 am Rande des Flugplatzes Eschborn durchgeführt. (siehe Luftkampf).

 

 

Abb.8: Pressemitteilung der Stadt Schwalbach

 

Bildquelle: © Archiv, fliegerhorst-eschborn.de

 

In einer Pressemitteilung vom 21.02.1984 wird dann von der Stadt Schwalbach offiziell bestätigt, dass keine Jagdflugzeuge aus dem zweiten Weltkrieg gefunden wurden.

Die "20 cm starke Betondecke" von der hier die "Rede" ist, beschreibt die Betonplatten des westlichen Vorfeldes vor Hangar #1 und der geplanten Werft. (siehe Funkstelle Eschborn Abb.8)

 

 

 

Quellen:

 

(1)unb. Verfasser:"30 Jahre danach wimmelt es noch von Munition auf dem alten Flugplatz", Höchster Kreisblatt, 19.03.1976 

(2)unb. Verfasser:"Bei Frankfurt: Jagd auf zwei "Me 109" ...", Abendpost Nachtausgabe, 07.08.1982

(3)(hth):"Keine Munition mehr auf dem Flugplatz", Frankfurter Allgemeine Zeitung FAZ, 01.10.1982

Hessischer Rundfunk – www.hr.de , Hessischer Rundfunk Archivservice

Luftbilddatenbank Dr. Carls GmbH

Dieter Farnung, Stadtarchivar Schwalbach

Gerhard Raiss, Stadtarchivar Eschborn

W. Scheinert, Bilder

historische-eschborn.de, Gerhard Raiss

National Archives and Records Administration 

Die nicht zurückgekehrten. Geklärte und ungeklärte Schicksale vermisster deutscher Jagdflieger / Werner Girbig; Hrsg.: Motorbuch Verlag, Stuttgart 1. Auflage 1970

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