Dulag - Durchgangslager

 

"Dulag Luft" oder "Auswertestelle West" wie die Bezeichnung ab 1943 lautete, war ein Durchgangslager für Kriegsgefangene in Oberursel, in dem Piloten und Besatzungsmitglieder der feindlichen Luftwaffe nach dem Abschuss verhört wurden, bevor man sie weiter in sogenannte Stammlager (Stalag) verlegte.

In Oberursel war man damit beschäftigt, in den Verhören von den Gefangenen, meist  englische und amerikanische Luftwaffenangehörige, möglichst viele Informationen über feindlichen Aktivitäten zu erfahren.

 

Was hat das mit dem Flugplatz Eschborn zu tun, fragt man sich? 

Aber die Geschichte ist fast unglaublich und Dank 1Hanns- Joachim Scharff gut dokumentiert.

 

Es begann damit das Colonel Einar A. Malmstrom, Commanding Officer der 356th Fighter Group der USAAF am 24. April 1944 auf seiner 58. Mission über Frankreich abgeschossen und gefangen genommen wurde. Er wurde wie viele andere Piloten nach Oberursel zur Vernehmung gebracht.

 

Hanns-Joachim Scharff war zu der Zeit Obergefreiter und zur Unterstützung der ca. 60 Vernehmungsoffiziere in Oberursel tätig.

 

Seine Verhörmethoden waren außergewöhnlich und hatten nichts mit Druck, Zwang oder Folter zu tun. Ganz im Gegenteil. Man unternahm mit den Gefangenen kleine Ausflüge im Taunus und gestaltete so eine eher zwanglose Atmosphäre. 

Zuvor jedoch hatte man von den Gefangenen und deren Umfeld Detailinformationen gesammelt, die man in den "Verhören" einfließen ließ. So suggerierte man den Gefangenen sowieso schon alles zu wissen, was sie eher zum Reden brachte, da sie nicht mehr das Gefühl hatten etwas zu verraten.

 

 

Reise nach Eschborn

 

Als am 5.Mai Malmstrom in Oberursel eintraf, nahm Scharff direkt Kontakt mit ihm auf.

Malmstrom vom Range eines Colonel, und Commanding Officer der 356th Fighter Group der USAAF, war damit schon eine ganz besonderer Gefangener.

 

Als auch Horst Barth, Chef der Vernehmungsgruppe für Jagdpiloten davon erfuhr, fiel die Entscheidung Malmstrom zu einem geplanten Treffen mit dem JG 53, den Fliegern des Jagdgeschwaders 'Pik As' mitzunehmen, die gerade auf dem Platz in Eschborn stationiert waren.

H.J. Scharff sollte dabei sein und bei dem Treffen einige Bilder mit seiner Kamera festhalten.

 

Die Reise der ca. 10 km langen Wegstrecke erfolgte nicht wie man meinen sollte mit dem Fahrzeug, sondern bequem mit einem Flugzeug vom Typ Fi 156. Der "Fiesler Storch", wie er auch bezeichnet wurde, konnte neben der Auswertestelle in Oberursel auf einer Wiese starten und landen. 

 

Abb.1:

Neben der Auswertestelle West in Oberursel befand sich ein kleiner Startplatz.

Mit dem "Fieseler Storch", wie die Fi 156 wegen ihrem hohen Fahrwerk auch genannt wurde, war es wegen der ausgesprochenen Kurzstarteigenschaften der Maschine kein Problem dort zu starten und zu landen.

 

Bildquelle: © Archiv, fliegerhorst-eschborn.de

 

 

Ankunft

 

Bei der Ankunft in Eschborn war Malmstrom sehr überrascht die Frontalansicht von einen aufgemalten B-17 Bomber in Originalgröße auf einem der Hangars zu sehen. Diesen hatte Julius Meimberg kurz zuvor auf einen Hangar malen lassen. (siehe auch Luftwaffe Abb.7)

 

 

Abb.2:

Mit dem Flugzeug rechts im Bild reiste die Delegation von Oberursel nach Eschborn. Im Hintergrund, unter der Tragfläche der Fi 156 hindurch, kann man das Tor des Hangars auf dem Flugplatz in Eschborn sehen, auf dem das Bild einer USAAF Boeing B-17 aufgemalt ist. Im Vordergrund, ohne Mütze und in leicht gebückter Haltung steht Malmstrom.

 

Bildquelle: © Scharff Collection, Raymond F. Toliver, The Interrogator: The Story of Hanns Scharff, Luftwaffe's Master Interrogator; Aero Publishers 1978

Die Verwendung der Abbildung auf dieser Website erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Christian Scharff, Sohn von H.J. Scharff.

 

Im Gespräch mit dem JG 53

 

Der Kriegsgefangene Malmstrom auf dem Flugplatz der Luftwaffe in Eschborn, im Gespräch mit Angehörigen der II. Gruppe des Jagdgeschwaders 53 Pik As.

Damit die Konversation nicht nur in Zeichensprache erfolgen mußte, war sogar ein Dolmetscher dabei.

 

 

Abb.3:

Auf dem Bild sieht man die Besucher aus Oberursel auf dem Flugplatz Eschborn vor einer Messerschmitt Bf 109G in lockerer Atmosphäre stehen und im Austausch mit Mitgliedern des JG 53. Der Große ohne Mütze ist der Kriegsgefangene Malmstrom. Rechts von ihm steht Hanns J. Scharff.

 

Bildquelle: © Scharff Collection, Raymond F. Toliver, The Interrogator: The Story of Hanns Scharff, Luftwaffe's Master Interrogator; Aero Publishers 1978

Die Verwendung der Abbildung auf dieser Website erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Christian Scharff, Sohn von H.J. Scharff.

 

Die Gruppe steht hier auf dem Grünstreifen, seitlich vor Hangar #5 und befindet sich genau an der Stelle (siehe ALG Abb.2 schwarzer Kreis) in der später auch der Lastensegler Go 242 zu sehen ist. Die Aufnahme hier erfolgte mit Blick in östlicher Richtung, in der im Hintergrund links der Wachturm zu erkennen ist.

 

 

Spritztour*

 

Nun kommt das Unglaubliche! 

Nicht nur das man einem feindlichen Kriegsgefangene die Möglichkeit gegeben hatte mit den Piloten der Lufwaffe es bekannten Jagdgeschwaders 'Pik As' zu reden und sich auszutauschen, erlaubte man Malmstrom auch noch mit einer Bf 109 eine Spritztour über dem Platz zu machen. 

Zur Sicherheit war nur Treibstoff für ca. 30 min an Board und eine zweite Maschine mit Bewaffnung flog hinter Malmstrom her.

Nach einigen Flugmanövern landete der amerikanische Kriegsgefange wieder wohlbehalten in Eschborn, nachdem er sich einen Eindruck von dem deutschen Flugzeug verschaffen konnte. 

 

 

Abb.4:

Die Abbildung zeigt Einar A. Malmstrom wie er auf dem Flugplatz Eschborn gerade in ein  deutsches Kampfflugzeug einsteigt. Der Gefangene USAAF Pilot hatte mitten im Krieg die Möglichkeit bekommen eine Messerschmitt Bf 109G zu fliegen. 

 

Bildquelle: © Christian Scharff

Das Bild wurde freundlicherweise von Christian Scharff, Sohn von H.J. Scharff zur Verwendung auf dieser Website zur Verfügung gestellt.

 
 

Nach dem Flug in einer Messerschmitt Bf 109, regem Informationsaustausch mit Piloten des JG53 und einigen Fotos, ging es zurück nach Oberursel. Auch auf diesem Flug erhielt Malmstrom die Gelegenheit kurzzeitig das Ruder der Fi 156 zu übernehmen.

 

Wenig später wurde Malmstrom dann an die Dulag Luft in Frankfurt überstellt und von da ging es weiter für ihn in das Kriegsgefangenenlager Stalag Luft nach Barth.

 

Nach etwa einem Jahr in deutscher Kriegsgefangenschaft ging Malmstrom nach der Befreiung zurück in die USA und war dort weiter im Dienst der US Air Force tätig.

Er verunglückte bei einem Jet Unfall mit einer Lockheed T-33 am 21. August 1954 tödlich. Ihm zu Ehren wurde später die in Montana, USA befindliche "Great Falls Air Force Base", in "Malmstrom Air Force Base" umbenannt.

 

 

Abb.5:

Das Bild zeigt E.A. Malmstrom nach seiner Rückkehr in die USA im Dienste der US Air Force. Nach ihm wurde später die "Malmstrom Air Force Base" in Montana USA benannt.

 

Bildquelle: © malmstrom.af.mil

Die Verwendung der Abbildung auf dieser Website erfolgt mit freundlicher Genehmigung von John Turner, 341 Missile Wing Public Affairs

 

 

Beförderung zum Vernehmungsoffizier

 

Beim Absturz der Fi 156 wenige Tage* nach dem Treffen, erlag der in Eschborn stationierte Pilot kurze Zeit später seinen Verletzungen. Die Maschine war wegen Motorschaden in ein Waldgebiet gestürzt. 

Mit an Bord waren die zwei Vernehmungsoffiziere Weyland und Schröder der Dulag Luft. Auch sie verloren bei dem Unglück ihr Leben.

 

Unmittelbar daraufhin wurde Hanns J. Scharff zum Vernehmungsoffizier der Luftwaffe befördert.  

 

Hanns J. Scharff wanderte später in die USA aus und erlangte weltweite Berühmtheit durch seine wirksamen Vernehmungsmethoden, die er sich im zweiten Weltkrieg selbst angeeignet hatte und die bis heute noch in der US Army gelehrt und u.a. vom FBI und der CIA angewendet werden. In der Literatur und im Internet wird er auch als "Luftwaffe’s Master Interrogator" oder "The Interrogator" bezeichnet.

 

H.J. Scharff starb 1992, nachdem er sich in den USA nach dem Krieg erfolgreich der Herstellung kunstvoller Mosaiken widmete. 

 

 

 

*Anmerkung:

 

Diese Geschichte wird aus Sicht von Julius Meimberg etwas anders dargestellt. Er war zu der Zeit der verantwortliche Gruppenkommandeur in Eschborn.

In dem Buch2 "Julius Meimberg, Feindberührung Erinnerungen 1939-1945" erzählt er davon das er dem Wunsch von Malmstrom, die Me 109 zu fliegen nicht entsprechen konnte, selbst beim Entladen der Waffen und mit nur geringem Treibstoff. 

Stattdessen drehte Julius Meimberg mit Malmstrom eine Runde in einem Fieseler Storch, bei dem er auch Malmstrom zeitweise die Steuerung überließ. 

 

Auch der Absturz mit dem Fieseler Storch in der Nähe von Oberursel, bei dem zwei Vernehmungsoffiziere der Dulag Luft ihr Leben verloren und bei dem der Pilot, Oberleutnant Hans-Heinz Pfannschmidt 5 Tage später den Verletzungen erlag, erfolgte nach den Aufzeichnungen von Meimberg noch am selben Tag des Besuchs.

 

 

Dem Leser der beiden Bücher bleibt so selbst überlassen, welche Version er glauben mag. Eindeutig wird es sich heute sicher nicht mehr klären lassen.

 

 

Quellen:

1Raymond F. Toliver, The Interrogator: The Story of Hanns Scharff, Luftwaffe's Master Interrogator; Aero Publishers 1978

Gerhard Raiss (2017), Stadtarchivar Eschborn

Christian Scharff, Sohn von H.J. Scharff.

1Raymond F. Toliver, The Interrogator: The Story of Hanns Joachim Scharff, Master Interrogator of the Luftwaffe; Schiffer Military History 1997

en.wikipedia.org

scharffandscharff.com

fr.de

malmstrom.af.mil

2Feindberührung. Erinnerungen 1939-1945 / Julius Meimberg; Hrsg.: Kurt Braatz.- Wang: NeunundzwanzigSechs Verlag, 2. Auflage 2003

 
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